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Longview

Longview  Foto: Knieps

Longview
  Foto: kirsch + bremer

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  Foto: kirsch + bremer

Andreas Denk

Der Himmel über Rom ist rot

Zur Installation "longView" von Beate Kirsch und Anja Bremer
Beate Kirsch und Anja Bremer, beide 1966 geboren, sind Architektinnen und Künstlerinnen in Hamburg. Wollte man ihr Schaffen mit einem Werk charakterisieren, so fiele hier eine frühe stadträumliche Intervention ins Auge: 1998/99 entstanden auf den Dächern mehrerer Hamburger Hochbunker aus dem 2. Weltkrieg kleine skulptural-architektonisch durchgearbeitete Eremitagen, die Kirsch und Bremer als "Denkräume" deklarierten. Die bedrückende Enge der Menschenbunker wurde hier aufgeweitet durch Räume, die am menschlichen Maß orientiert, den Blick auf den freien Himmel inszeniert haben.

Der Strategie dieser Arbeit sind Kirsch und Bremer weiter nachgegangen. Sie sind auf der Suche nach Orten in der Stadt, die nicht offensichtlich im Bewußtsein sind, aber dennoch so markante Eigenschaften haben, daß sie sich für eine Bearbeitung lohnen: Die Steigerung dieser Eigenschaften - durch strenge architektonische Form, durch Licht, durch Reflexion, durch die Lenkung und Weitung des Blicks - sind die künstlerischen Taktiken der beiden. Die Idee zu einer selbstreflektierenden schiefen Ebene in Hamburgs neuer Hafencity und ein großer Entwurf für die skulpturale Transformation des ehemaligen U-Bootbunkers an der Hamburger Rüschhalbinsel 1 variieren die Mittel, führen aber in beiden Fällen zum ähnlichen Ergebnis: einer bis ins Magisch-Unheimliche gezogenen Aufladung der szenisch-atmosphärischen Werte der jeweiligen Situation.

Die Arbeit "longView" hat eine längere Geschichte. Anläßlich eines Villa-Massimo-Stipendiums in Rom entstand 1999 die Serie der "Crepe", der "Risse" 2: Fotoaufnahmen von Gebäudemauern, die den Bildrand begrenzen, in deren Zentrum indes der freie Blick auf den römischen Himmel eingefangen wird. In einer zweiten Arbeitsphase legten Kirsch und Bremer gewissermaßen diese Himmelsausschnitte frei: Sie nahmen die architektonisch gegliederten Fassaden weg, übrig blieb allein das asymmetrische "Fenster zum Himmel". Die räumlich-grafisch wirkenden Resultate wurden seinerzeit bei einer eindrucksvollen Präsentation auf die antik-römische Aurelianische Mauer projiziert. Später entwickelten Kirsch und Bremer diese aufgebrochene Perspektive weiter, so daß schließlich abstrakte Zeichnungen entstanden, deren räumlich-perspektivischer Hintergrund erst bei längerer Betrachtung offenbar wird.

Dieses Material - sowohl die realistischen Fotos wie auch die flächig-abstrakten Zeichungen bilden das Ausgangsmaterial für "longView". 3
Fotografien und grafische Form werden übereinander- und nebeneinander projiziert. Während die beiden Projektionsflächen durch ihre Hängung die verschiedenen Ebenen des Raums ausloten, schaffen bis zu drei Fotos oder Zeichnungen auf einer Projektionsebene ein Relief im Raum. Die Schrägprojektion indes verunklärt die architektonische, urbane Situation weiter: Es entsteht eine visuelle und räumliche, atmosphärisch dichte Schichtung verschiedener "Himmelsbilder", die einen nicht geringen Anspruch an unsere Seh- und die Memorationsfähigkeiten stellt.

Neben dem visuellen Eindruck beinhaltet diese Arbeit aber auch einen weiteren Aspekt. Er wird vielleicht deutlicher, wenn man sich eine Kernthese aus Ernst Gombrichs geistreichen Aufsatz über "Kriterien der Wirklichkeitstreue" zur Fotografie vornimmt. 4
Der Essay - zu einem Zeitpunkt erschienen, als das Thema der subjektiven Fotografie noch nicht als Thema der Kunstwissenschaft benannt worden war - bietet einen interessanten Ausgangspunkt für unsere Überlegungen. Obwohl die physikalischen und physiologischen Erkenntnisse über die optische Wahrnehmung, die Gombrich zur Verfügung standen, heute bei weitem überholt sind, so ist seine Argumentation dennoch nützlich, weil sie einen für das menschliche Wahrnehmungsvermögen allgemeingültigen Status beschreibt. Gombrich geht davon aus, daß seit der Antike das künstlerische Bestreben von Malern und Zeichnern war, den Betrachter vermittels eines "Augenzeugenprinzips" in die Darstellung des Bildes zu verwickeln. 5 Der antiken Ästhetik folgend ging es hier hauptsächlich um die mimesis, also um die möglichst naturgetreue Darstellung dessen ,was zu sehen ist. Voraussetzung für dieses Bildprinzip war jedoch, daß auf dem Bild nichts anderes zu sehen war, als einem tatsächlichen Beobachter sichtbar gewesen wäre. Und Voraussetzung hierfür wiederum war es, daß sich der Betrachter sich beziehungsweise seine Augen nicht bewegte. Dieses Prinzip der Widerspruchsfreiheit wiederum beruht auf der Kunst der Perspektive, die auch nach Gombrichs Auffassung durchaus in der Lage ist, eine Situation wahrheitsgetreu wiederzugeben. "Die Tatsachen, daß wir gewöhnlich mit beiden Augen schauen, dass wir unsere Augen nicht still halten und dass unsere Netzhaut gekrümmt ist" - also alle von anderen geäußerten Kritikpunkte an der Zentralperspektive - "haben nach Gombrichs Anschauung keinen Einfluß auf die Gültigkeit der Darstellung. 6 Seine Auffassung von der Funktionsweise eines Fotoapparates beschriebt deutlich seine Auffassung vom gesunden Menschenverstand, der bei der Wahrnehmung mitspielt: "Ich behaupte, daß mein Kasten, wenn ich ihn so nennen darf, eine volle Rechtfertigung der traditionellen Methode eines perspektivisch malenden Künstlers darstellt." 7 Die Methode setze den Künstler in die Lage, so Gombrich weiter, "dem zu entsprechen, was ich das Wahrheitskriterium genannt habe. Das positive Postulat, daß heißt die Frage, wie viel visuelle Information er in sein Bild aufnehmen soll oder kann ist zweifellos ein ganz anderes Problem und führt zu ganz anderen Kriterien der Wirklichkeitstreue." 8

An einem dieser Kriterien arbeiten auch Kirsch und Bremer: Sie betreiben ihre Form von "Architekturfotografie", wenn wir "longView" hilfsweise so bezeichnen wollen, von einem betont subjektiven Standpunkt, der gezielt die abendländische "Kunst der Perspektive" aus dem Raster in eine anamorphe Streckung befördert und so an Stelle des Rationalen das Emotionale, das Intuitive und vielleicht auch das Visionäre setzt. Roms Mauern werden in "longView" zu Flächen, die den Negativraum zwischen den Gebäuden als den eigentlichen Raum formulieren helfen. Hier geht es um die Aufwertung des Zwischenraums in der Stadt zum eigentlichen Raum, der gegen die Enge des Urbanen, gegen die Beschränkung des Blicks durch die Architektur der Stadt eine Weitung und Öffnung der Perspektive auf eine unsichtbare Raumsäule eröffnet, deren horizontale Begrenzungen die Flächen der Mauern und deren vertikale Begrenzung die unendliche Tiefe des Himmels ist. Das karthesianische Ordnungsprinzip, das über Jahrhunderte zur Domestizierung unserer Wahrnehmungsgewohnheiten nützlich war, wird hier durch eine nichtlineare, nicht-karthesianische Vision ersetzt. Die subjektive Sicht der Stadt, die die beiden Künstlerinnen hier eindrücklich demonstrieren, lenkt den Blick dabei auf etwas, was allen unseren Städten zueigen ist: Die Poesie des Himmels. Daß dies der schwierigen Architektur des Kölner Neuen Kunstforums einen kleinen Denkzettel verpasst, erscheint wie ein heiteres Apercu dieser vielschichtigen Intervention.

Anmerkungen
1 Realisierungsgesellschaft Finkenwerder mbH (Hg.). Fink 2. Ideen für den ehemaligen U-Boot-Bunker Fink II. Rüschhalbinsel Finkenwerder in Hamburg. Redaktion: Christiane Sörensen, Hamburg 2004.
2 Crepe. Risse. Metamorphosen. Projektionen auf römischen Mauern. Anja Julia Bremer und Beate Seyfarth-Kirsch Hrsg.: Deutsche Akademie Villa Massimo, Rom 1999.
3 Beate Kirsch/Anja Bremer: The LongView. Ausstellung im Neuen Kunstforum, Köln, Alteburger Wall 1, 14. Oktober - 14. November 2004, Mi-So 18-21 Uhr
4 Gombrich, Ernst H.: Kriterien der Wirklichkeitstreue: Der fixierte und der schweifende Blick, in: Bild und Auge. Neue Studien zur Psychologie der bildlichen Darstellung, Stuttgart 1984, S.240ff.
(zuerst erschienen in: derselbe: The Language of Images, Chicago 1980, wieder abgedruckt in: Critical Inquiry, 7. No. 2, S. 273-273.
5 ebda., S. 248ff.
6 ebda., S. 252f.
7 ebda., S. 255f.
8 ebda., S. 256.


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